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16 Jahre Freude am Tanzen – Ein Interview mit dem Chef

Thomas Sperling im Interview mit WimpMagazin (auch hier nachlesen)

Das Jenaer Elektro-Label Freude am Tanzen beheimatet Künstler wie Marek Hemmann, Douglas Greed und Mooryc. Jetzt wird es süße 16 und bringt zu diesem Anlass eine Labelcompilation mit bisher unveröffentlichten Tracks heraus. Wir haben uns mit Labelgründer Thomas “Spatz” Sperling zum Interview getroffen.

Wie würdest du das Label Freude am Tanzen in 3 Sätzen beschreiben?

Es ist ein Label für elektronische Tanzmusik. Aber nicht nur für elektronische Tanzmusik, sondern für Tanzmusik. Aber nicht nur für Tanzmusik, sondern auch für elektronische Musik. Haha!

Alles nicht so eindeutig?

Die nicht ganz so fixe Genrezuschreibung des Labels ist auch dem Kassablanca in Jena geschuldet, denn das ist ja kein Club wie das Watergate oder das Berghain. Im Kassa finden ganz verschiedene Veranstaltungen statt, auch Theater, Kino und Lesungen. Dadurch haben wir keine straighte Techno-oder House-Ausrichtung. Ohne das Kassablanca gäbe es auch unser Label nicht, es ist schon die Mutter des Ganzen. 1995 kam ein Freund mit einer Einkaufstüte an, auf der “Freude am Einkauf” stand. Ich hab das eingescannt und “Freude am Tanzen” daraus gemacht. Die hübschen Kringel waren schon mit auf der Tüte gewesen. Unter dem Motto “Freude am Tanzen” habe ich dann mit Daniel Mauß Parties im Kassablanca veranstaltet. Erst 1998 kam ich dann auf die Idee, Musik zu veröffentlichen. Ich habe Gabor (Robag Wruhme), Heiko (Schlesier) und Marcho (Marko Büchel) angesprochen und dann ging es los, der erste Schritt.

Was ist deine Rolle bei Freude am Tanzen? Wer gehört noch dazu?

Ich versuche schon, die Zügel in der Hand zu halten. Aber da wir zwei Leute im Label, zwei-einhalb im Booking und zwei im Plattenladen FAT Plastics sind, kann von denen natürlich auch jeder seinen Senf dazugeben, was Musik, Covergestaltung usw. angeht.

Ist es ein Vorteil, aus der Provinz heraus zu operieren und eben nicht aus Berlin oder Leipzig?

Der Vorteil ist, dass man von den ganzen Einflüssen ein bisschen abgeschieden ist. Das ist aber natürlich auch gleichzeitig ein Nachteil, weil die Künstler jeweils ein paar Stunden im Zug sitzen, um in Berlin, Hamburg oder München aufzulegen. Aber immerhin sind wir im Zentrum von Deutschland – dem grünen Herz Deutschlands.

Wie kommt euer Künstlerroster zustande? Wie kamt ihr zum Beispiel an Mooryc?

Den hat Mario angeschleppt, also Douglas Greed. Erst hat Mooryc zwei Remixe für uns gemacht, von Tracks von Marek Hemmann und Douglas Greed. Dann kam das Album “Roofs”.

Das läuft also über Bekanntschaften. Hört ihr euch noch Demos an? Habt ihr das überhaupt je gemacht?

Jemand, der es aus der Kalten geschafft hat, war Kadebostan. Wir haben die CD eingelegt und gedacht: Wow, was ist denn das! Caracas Soul war unser 22. Release, da waren wir alle total baff. Bei Mark Henning war es ähnlich.

Aber aktuell ist es ernüchternd, weil so viele Leute Musik machen und oft nur noch Soundcloud-Links ohne Hintergrundinfo verschickt werden. Das ist so lieblos! “Warum mache ich genau diese Musik, warum soll die genau bei diesem Label erscheinen?” Diese Frage muss sich jeder stellen, der Musik macht. Je persönlicher die Ansprache, desto eher nehmen wir uns einer Sache an. Humor und Charme schaden auch nicht. Die Labelarbeit ist sehr kleinteilig und nicht einfach so dahingerotzt. Da werden von einem Release vielleicht 300-500 Platten und 1000 Downloads verkauft und dann gibt es noch 10.000 Streams. Deshalb ist die Auswahl der Releases sehr wichtig. Es ist eine Liebhaberei, eine Schallplatte zu machen und die ganze Produktion aufrecht zu erhalten. Das ist die Normalität. Wenn ein Release oder Künstler dann abgeht, ist es was anderes.

Was war eure größte Krise der letzten 16 Jahre?

Als Ende der 00er-Jahre der Vinylverkauf in den Keller ging, gab es Momente, in denen wir uns fragten, wie es weitergehen soll. Dann haben wir ein bisschen umstrukturiert und unser Überleben gesichert. Durch die drei Standbeine (Label, Booking, Plattenladen) konnten wir uns ganz gut stabilisieren.

Kannst du aus der einen Ecke Geld herausnehmen und es woanders reinstecken?

Nein, das würde ich nicht machen. Aber man kann ja z.B. Labelnächte veranstalten, die etwas mehr Geld einbringen und dann wieder andere Projekte mitfinanzieren. Die physische Produktion von SIX10 wird auch nicht billig, als Doppelvinyl mit Plakaten, Aufklebern, Downloadcodes. Allein die Ballons auf dem Cover! Aber dadurch werden die einzelnen Künstler wiederum bekannter und bekommen mehr Bookinganfragen.

Welche eurer Releases waren denn am erfolgreichsten?

Da wäre zum Einen die Kopfnikker EP von Robag Wruhme von 2003. Die Platte kam raus und zwei Tage später kam der Anruf “Wir müssen nachpressen.” Die wird immer noch nachgepresst, die ist ein Klassiker. Zum Anderen die Gemini EP von Marek Hemmann 2009. Da hat der Vertrieb den Erfolg auch nicht abschätzen können und es war noch krasser. Aber das waren unterschiedliche Zeiten, deshalb kann man die beiden auch nicht wirklich vergleichen. 2003 hast du von einem guten Release 1500-2000 Platten verkauft, 2009 vielleicht noch 500-1000. Ich weiß jetzt nicht genau, wie oft die Gemini EP gestreamt wurde, aber wir bekommen vom Digitalvertrieb eine Excel-Tabelle, die ganze 3,5 MB groß ist. Da werden die Streams jedes einzelnen Tracks aufgelistet.

Also bekommt ihr heute viel mehr Informationen?

Auf jeden Fall. Ich gehe auch nicht mit, zu sagen, dass die Künstler durch Streaming zu wenig Geld bekommen. Das liegt an den Deals der Künstler mit ihren Labels. Wenn bei uns die Grundkosten reingeholt sind, wird alles 50/50 geteilt. Wenn man natürlich nur 15% von etwas bekommt, weil der Vertrag fünf Jahre alt ist, wird oft nicht nachverhandelt sondern eher gejammert “Die Streamingangebote sind schlecht”. Für die Indie-Labels könnte eher YouTube gefährlich werden, wenn es seine Forderungen durchsetzen kann.

Was bringt die Zukunft?

Wenn die Vinylverkäufe noch weiter sinken, muss man sich überlegen, ob die aktuellen Strukturen noch Sinn machen. Wenn das, was bei Downloads verloren geht, beim Streaming hinzukommt, ist erst mal alles ok. Gute Musik hat immer die Chance, sich durchzusetzen. Generell ist ja digital die Chance größer als das Risiko.

Apropos WiMP HiFi, aber in analog: Wir schneiden unser Vinyl jetzt direkt vom Computer, in 24 statt 16 Bit. Die Vinylschneidewerke fanden die Idee erst mal absurd, machen jetzt aber mit. Die Information ist jetzt also noch näher am Analogen. Das ist was fürs Herz!